„15 Minuten – und Blinde sehen wieder“

Indien bietet Menschen mit Behinderung per Gesetz kostenlose Behandlung, doch an der behördlichen Umsetzung hapert es

Die Gehsteige in Guwahati sind einmal hoch, dann wieder niedrig, schmal, uneben und voller Löcher. Hier, in der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Assam, muss man stehen bleiben, wenn man aufs Handy schauen will. Die Gefahr zu stolpern ist groß. Man sieht einander beim Sprechen auch besser nicht an und beobachtet im Gehen auch nicht das Chaos auf der Straße – die unzähligen kleinen dreirädrigen Fahrzeuge, die Busse, Fahrrad-Rikschas, die vielen Autos und Lastwägen, die hupend versuchen, vorwärtszukommen. Immer wieder steht mitten in dem Wirrwarr auch eine Kuh.

„Schauen Sie sich die indischen Straßen an!“, sagt der Journalist Manosh Das von der „Times of India“. „Wie soll sich da erst ein Behinderter bewegen?“

Vor zehn Jahren hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung beschlossen. Indien war eines der ersten Länder, das das Übereinkommen per Gesetz in Kraft gesetzt hat. In den vergangenen Jahren wurden mehrere Programme erarbeitet und Gesetze verabschiedet, die Menschen mit Behinderung unterstützen sollen. Noch länger – seit 1976 – gibt es das weltweit erste nationale Programm zur Bekämpfung von Blindheit. Doch es hapert bei der Umsetzung all der Programme und Gesetze, und ganz besonders in Nordost-Indien, das nur durch einen schmalen Korridor mit dem übrigen Staatsgebiet verbunden ist.

An der Universitätsklinik von Guwahati erläutert der Augenchirurg Dipak Bhuyan das System: Eine einfache Operation des Grauen Stars ist für alle kostenlos. Nur wer eine teurere Linse wünscht, bezahlt – und wer sich eine sogenannte „Phaco“-OP leistet, bei der anstelle eines Schnitts nur ein Loch gemacht und der Linsenkern per Ultraschall zertrümmert wird. Fünfzehn Minuten dauert ein Eingriff. „Dann sieht man wieder. Und man sieht wunderbar“, sagt Doktor Bhuyan.

Trotzdem leben viele Frauen und Männer oft jahrelang blind, bevor sie in der Klinik operiert werden. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Erblindung als „Schicksal“ gesehen

Oftmals scheitert es am Transport. Ein Teil der Menschen, die auf dem Land wohnen, sind ihr Leben lang nicht aus dem Dorf gekommen. Es fehlt an öffentlichen Bussen und es fehlt am Geld für die Fahrt in die Stadt und zurück. Und wie würde man sich – besonders als Analphabet – im Krankenhaus zurechtfinden? Wie viele Fahrten bräuchte man außerdem für die Augenuntersuchungen und die Behandlung? Immer wieder betrachteten Menschen deshalb ihre Erblindung als Schicksal, das es zu ertragen gelte, sagt Probal Gosh, der für „Don Bosco Reach out“ arbeitet. Unterstützt vom österreichischen Hilfswerk „Licht für die Welt“ bietet die Organisation Augenuntersuchungen auf dem Land an sowie den Transport von Patienten ins Spital. „Die Hauptbotschaft unserer Ankündigungen für die mobilen Gesundheitsstationen in den Dörfern lautet: ,Das alles kostet nichts!‘“, sagt Gosh.

Etwa zwei Stunden mit dem Auto von Guwahati entfernt warten auf dem Gelände einer Schule im Dorf Manipur dutzende Menschen auf den Sehtest und den Besuch beim Arzt. Sie sitzen auf Plastiksesseln unter Bäumen oder stehen vor den Eingängen im sandigen Boden. Die Schule besteht aus mehreren Hütten. Angelernte ehrenamtliche Helfer führen in zwei der Klassen Sehtests durch, in einer weiteren sitzen zwei Ärzte vor jeweils einem kleinen Berg Augentropfen, untersuchen Patienten und verteilen Medikamente. Der Andrang ist enorm, Ehrenamtliche und Ärzte arbeiten ohne Unterbrechung.

Auch der 82-jährige Romakanta Borah ist zur mobilen Gesundheitsstation gekommen. Seine Familie lebt vom eigenen Gemüse und Reis. Bleibt etwas übrig, wird es verkauft. Fünf Jahre lang habe er Probleme mit den Augen gehabt, berichtet Borah, und deshalb auch nicht mehr arbeiten können. Vor wenigen Monaten wurde er schließlich in der Hauptstadt Guwahati operiert.

Er habe über einen der Aufrufe von der Gesundheitsstation erfahren. „Wäre ich allein ins Spital gegangen, hätte das sicher eine Menge gekostet“, sagt Borah. Plötzlich hält er inne. „Wenn ich meine Augen reibe, könnte dann die Linse herausfallen?“, fragt er Gosh von „Don Bosco Reach out“. Mit dieser Sorge lebt der 82-Jährige nun seit mehreren Monaten. Gosh erklärt ihm ausführlich, dass das nicht passieren kann. Ganz überzeugt wirkt Borah nicht, aber er erzählt weiter. Im Krankenhaus sei alles gut gewesen. „Dort bin ich auch zum ersten Mal mit einem Lift gefahren. Das hat mir besonders gefallen.“

Es müsse mehr von staatlicher Seite geschehen, sagt Journalist Das. Beim Thema Behinderung gehe es schlicht und einfach um verbriefte Rechte. „Man muss den Druck auf die Regierung erhöhen. Geld ist genug da.“ Wohin gehen die Gelder? Der Journalist weicht aus.

Problem Korruption

Ein Sozialarbeiter, der namentlich nicht genannt werden will, nennt das Problem Korruption. „Legalize it!“, sagt er lachend in Anspielung auf Cannabis. „Wir sollten Korruption legalisieren, dann lässt sich weniger Geld damit machen und das Problem wird kleiner.“ Carmo Noronha, Direktor der Non-Profit-Organisation „Bethany Society“, wiederum weist darauf hin, dass man die indischen Bürger stärker darauf aufmerksam machen müsse, auch für die Unterstützung von behinderten Menschen zu spenden und nicht nur für Tempel, Kirchen oder Moscheen.

Der stellvertretende Bezirksvorsteher von Kamrup im Bundesstaat Assam ist jedenfalls sicher, dass Indien noch mehrere Jahre brauchen wird, um die Lücken zwischen Gesetz und Realität zu schließen. „Die Bürokratie schafft es nicht, voranzukommen“, sagt Vinod Seshan. „Wir brauchen Hilfsorganisationen und wir brauchen ihre Expertise.“

Und so kümmern sich verschiedene indische Hilfsorganisationen mit Unterstützung von „Licht für die Welt“ darum, Behinderten Operationen und Therapien zu ermöglichen. Sie versuchen, Angehörige davon zu überzeugen, dass Behinderung kein Stigma ist, trainieren mit den Betroffenen Lesen und Schreiben, ermutigen sie zum Schulbesuch, vermitteln Arbeitsplätze, suchen den Kontakt zu Wirtschaftsverbänden und kämpfen bei Rechtsstreitigkeiten unentgeltlich für die Geschädigten.

So wie die Anwältin Amvalika Senapati, die für die Non-Profit-Organisation „Shishu Saroti“ arbeitet. Einer ihrer Klienten ist Prakash Baishya. Der von Geburt an blinde Mann suchte jahrelang nach Arbeit. Eigentlich sind drei Prozent aller Stellen im öffentlichen Dienst Menschen mit Behinderung vorbehalten. Baishya bekam schließlich einen Job als Lehrer in einer Blindenschule in der 250 Kilometer von Guwahati entfernten Stadt Jorhat. Lohn erhielt er indes bis heute keinen. Seit mehr als einem Jahr wartet Baishya auf sein Geld. „Wir werden den Fall gewinnen“, sagt Anwältin Senapati. „Die Schuld liegt eindeutig bei der Bürokratie.“ Wieder einmal.

Erschienen in: Wiener Zeitung

 

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