„Kapitalismus schlägt Chauvinismus“

Warum Bild-Chefredakteur Julian Reichelt gehen musste und welche Rolle Aufdecker-Medien dabei spielten

Zwei Wochen ist es her, da brachte die Satireseite Der Gazetteur einen Verriss auf zwei junge, machthungrige Männer: Zu sehen war der damalige Boss des größten deutschen Boulevardblatts mit dem Text: „,In Österreich gibt es Geld dafür?!‘ Bild-Chef Reichelt fühlt sich betrogen, weil er komplett kostenlos Propaganda für Sebastian Kurz gemacht hat.“

Jetzt hat es nach Kurz auch Julian Reichelt erwischt. Der Mutterkonzern Springer trennte sich von seinem hofierten Wunderknaben – die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb von einem „Quartalsirren“, der durch die Landschaft getobt sei und kein Maß gekannt habe.

Das freilich war nicht der Grund für den Rauswurf. Der einst mächtige Bild-Chefredakteur hat Abhängigkeitsverhältnisse ausgenutzt und ist mit jungen Kolleginnen Verhältnisse eingegangen. Schon im März brachte der Spiegel einen Text über den Machtmissbrauch Reichelts unter dem Titel „Vögeln, fördern, feuern“. Damals hatte Springer nach Hinweisen aus dem Haus eine externe Kanzlei beauftragt, die Vorwürfe zu prüfen. Man stellte Reichelt zwei Wochen lang frei und ihm eine Chefredakteurin zur Seite, das war’s.

Erst als die New York Times und das Investigativ-Team der deutschen Verlagsgruppe Ippen zusammen mit dem Spiegel öffentlich machten, dass sich Reichelts Verhalten keineswegs geändert habe, trennte man sich. Springer expandiert in den US-Markt. Da sieht man Me-Too-Vorwürfe gar nicht gern. Anton Rainer ist Teil des Spiegel-Teams, das über Reichelts Verhalten berichtete.

Falter: Herr Rainer, welche Rolle spielte die US-Expansion von Springer für den Rauswurf von Julian Reichelt?

Anton Rainer: Die Argumentation, man habe jetzt gerade erfahren, dass Julian Reichelt eine neue Beziehung zu einer Untergebenen hat, ist relativ unglaubwürdig. Es gibt keinen großen Unterschied zu den Vorwürfen, die Springer im Frühjahr bekannt waren, und den aktuellen. Die New York Times hat die aktuellen Vorwürfe öffentlich gemacht. Springer selbst kannte natürlich den Großteil davon bereits. Es gab ja eine Untersuchung mit einem Bericht. Jetzt aber bekamen die Vorwürfe auf dem US-Markt riesige Aufmerksamkeit – während Springer gerade mit dem Kauf der Mediengruppe Politico die größte Akquisition seiner Geschichte tätigte. Der Konzern wollte sich nicht selbst auf die Füße treten und an einem Mann festhalten, der sich wiederholt Dinge zuschulden kommen hat lassen.

Klappt es erst mit der Ethik, wenn es wehtut, wie der Tagesspiegel schreibt?

Rainer: Kapitalismus schlägt Chauvinismus. Nichts tut einem Konzern so weh wie ein drohendes Problem bei Kapitalflüssen. Nun kam offenbar der Punkt, an dem man gemerkt hat: Vielleicht ist es doch entscheidender, auf diesen einen Journalisten zu verzichten. Vorher sah es ja wirklich so aus, als könnte Reichelt alles überleben, jeden Vorwurf, jede Geschichte über seine Führungskultur. Es betraf ja längst nicht nur Frauen. Es sind viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den vergangenen Jahren gegangen wegen dieser toxischen Führungskultur. Das fiel selbst für Bild auf, das traditionell ein Medium war mit einer machoistischen, ruppigeren Umgangsart.

Der Spiegel hat jetzt mit dem Investigativ-Team des Ippen-Verlags einen neuen Text über Julian Reichelts Verhalten veröffentlicht. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Rainer: Die Gruppe von Ippen-Investigativ hat nach unseren Recherchen im Frühjahr dasselbe gemacht wie wir, hat Kontakt zu den Menschen aufgenommen, ist drangeblieben, hat weiter recherchiert. Die geplante Veröffentlichung von Ippen-Investigativ wurde aber vom Verleger verhindert, der offensichtlich ein Problem damit hatte, seinem Konkurrenten ans Bein zu pinkeln. Nachdem Reporterin Juliane Löffler Kontakt zu unserem Team aufgenommen hatte, gaben wir ihr und ihren Kollegen und Kolleginnen die Möglichkeit, unter dem Schutz unseres Hauses einen gemeinsamen Text mit ihren Recherchen zu veröffentlichen.

Im Spiegel erschien im März der erste Text zur Causa Reichelt. Wie sind Sie in der Recherche vorgegangen und wie haben Sie die Aussagen der Frauen überprüft?

Rainer: Die erste Recherche hatte ihren Ursprung bei einer/einem Hinweisgeber/in, die meinen Kollegen Martin U. Müller erreicht hat. Wir sprachen in der Folge mit Betroffenen, von denen wir über andere Kontakte erfahren haben, wir sprachen mit deren Umfeld, mit Anwälten, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei Bild und Personen aus dem Konzern. Wir haben viel telefoniert und Nachrichten ausgewertet, bis wir das Gefühl hatten: Wir haben ein Bild von der Kultur in dem Unternehmen. Wir konnten natürlich nicht alles schreiben. Vieles, das jetzt ans Tageslicht kommt, war uns schon im Frühjahr bekannt, aber es geht ja gerade in solchen Recherchen noch mehr als in anderen um Betroffenenschutz, um rechtliche Fragen. Was ist Privatbereich, was sollte nicht öffentlich ausgebreitet werden? Wo ist die Grenze zwischen Machtmissbrauch und persönlichen Affären, die man anrüchig finden kann, die aber nicht illegal sind?

Ihre Kollegin Bettina Gaus hat das schön formuliert: „Nicht jedes Liebesleid ist Ergebnis verwerflichen Handelns.“ Wo ist die Grenze?

Rainer: Das ist eine Frage, die sich eigentlich die Gesellschaft stellen muss: Was finden wir in Ordnung? Ich persönlich würde sagen, es ist nicht grundsätzlich anrüchig, wenn eine höher gestellte und eine niedriger gestellte Person in einem Unternehmen eine Beziehung eingehen. Anders ist es, wenn eine Person über die andere eine Entscheidungsgewalt hat, wenn sie also entscheiden kann, ob die andere Person aufoder absteigen kann. Das war ja im Fall Reichelt so. Er hat Personen, mit denen er eine Beziehung eingegangen ist, mutmaßlich zu Karriereschritten verholfen, teilweise hat er sie wohl aktiv behindert. Das ist ein klarer Fall von Machtmissbrauch. Und: Gerade sehr schwache Personen wie Berufsanfängerinnen, Volontärinnen, Praktikantinnen müssen einen besonderen Schutz bekommen. Von der Axel-Springer-Akademie kamen Abgängerinnen zu Bild und fanden sich in einer solchen Situation wieder. Und der dritte Punkt: Ist es im Unternehmen bekannt oder wird es aktiv verheimlicht?

Wie war es in der Causa Reichelt?

Rainer: Im vorliegenden Fall war es offenbar so, dass Julian Reichelt den Vorstand belogen und auch nach der Untersuchung eine Affäre nicht beendet hat. In jedem anderen Unternehmen wären aber auch schon die vorherigen Vorwürfe ein Kündigungsgrund gewesen. Bei Springer stellt sich jetzt die Frage: Ist es ein unternehmensweites Problem oder geht es um Bild und Julian Reichelt?

Wie findet man das raus? Weiter recherchieren?

Rainer: Ja. Und indem man nach ganz oben blickt: Wie ist der Vorstand von Axel Springer damit umgegangen? Hat dieser proaktiv versucht, die Vorfälle aufzuklären, oder eher im Gegenteil, das zu verhindern, oder hat er weggeblickt? In diesem Fall kann man sagen: Es wurde viel zu lange vielen Hinweisen einfach gar nicht nachgegangen.

Warum genoss Reichelt so lange das Vertrauen von Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner?

Rainer: Gute Frage. Nach allem, was man hört, waren sich die beiden privat nahe, aber wohl keine engen Freunde. Sie teilen allerdings eine sehr starke politische Übereinstimmung. Sowohl Döpfner als auch Reichelt haben eine große Skepsis gegenüber dem deutschen Staat, sind liberal-konservativ eingestellt. Und Reichelt war ein wunderbarer Blitzableiter für Mathias Döpfner. Wann immer man zu Springer geschaut hat, hat man sich zuerst einmal an Reichelt abgearbeitet, einem krawalligen Menschen, der sich zu Kommentaren verstiegen hat, die außerhalb jeder Vorstellungskraft liegen. In der Corona-Pandemie schrammte er hart an Querdenker-Positionen entlang. Dieser kriegerische Umgang mit der Welt hat Döpfner sicher auch imponiert.

Wie groß war die Furcht der Betroffenen, mit Journalistinnen und Journalisten über ihre Erfahrungen zu sprechen?

Rainer: Man merkte in den Gesprächen mit den Betroffenen, aber auch im Umfeld, dass es eine riesige Angst vor Julian Reichelt gab. Da war die Rede von Vergeltung. Man konnte sich viel vorstellen, weil man in der Vergangenheit schon gesehen hat, wie sich Reichelt in der Redaktion verhielt, wenn er sich verraten gefühlt hat. In seiner Welt gab es Freunde und Feinde. Viele haben die Erfahrung gemacht, wenn sie einmal auf der „falschen Seite“ waren, wie ungemütlich es werden kann. Die betroffenen Frauen hatten Angst, dass in der Berichterstattung klar wird, wer sie sind, und sie nie wieder einen Fuß in die Branche bekommen.

Welchen Anteil hat toxische Männlichkeit im Fall Reichelt, welchen schlicht Macht?

Rainer: Das kann man im Fall von Bild schlecht auseinanderhalten. Es ist nicht so, dass dort keine Frauen Karriere machen konnten, aber wenn, dann geschah es oft trotz der Männer. Ehrlicherweise war das früher in vielen Redaktionen so und ist es vermutlich heute auch noch, es gab eine sehr männlich geprägte Kultur mit Witzen über das Aussehen von Frauen. In der Bild-Redaktion gab es mutmaßlich sogar Kollegen, die Fuckability-Listen über Kolleginnen gemacht haben. Und wenn man jemanden an der Spitze hat, der das nicht verurteilt, dann kehrt das bei manchen das Schlechte heraus. Das wurde auch viel zu lange als Eigenheit der Bild-Redaktion entschuldigt: Wir sind halt härter als alle anderen.

Die Neue Zürcher Zeitung schreibt, das „System Reichelt“ sei an ein Ende gekommen -ist das so?

Rainer: Reichelt hatte eine Truppe um sich, die ihm treu ergeben ist. Diese Menschen sind immer noch da. Und von oberster Stelle gab es bis jetzt keine Entschuldigung, sondern Klagedrohungen gegen die sogenannten Hintermänner, die der Vorstandsvorsitzende Döpfner immer noch vermutet. Es gibt die Erzählung, dass es in erster Linie die Feinde von Bild oder von Reichelt waren, die dieses Ding ins Rollen brachten. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Viele unserer Informantinnen und Informanten lieben Bild, wollten aber mit dieser toxischen Redaktion nichts mehr zu tun haben.

Was kann ein Unternehmen tun, damit es nicht zum Missbrauch von asymmetrischen Arbeitsverhältnissen kommt?

Rainer: Es braucht ein Regelwerk. Und es braucht geringere Toleranz von allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Solange man wegschaut, wird Missbrauch weitergehen.

Julian Reichelt war seit 2017 Chefredakteur der Bild-Zeitung. Im Frühjahr wurde er von seinem Eigentümer verwarnt, nun muss er endgültig gehen

Anton Rainer ist Wirtschaftsredakteur und Teil des Spiegel-Teams, das über Reichelts Verhalten berichtete. Gemeinsam mit dem Recherche-Team unter Führung von Juliane Löffler aus der Ippen-Gruppe (Frankfurter Rundschau, Münchner Merkur, Tz, BuzzFeed Deutschland) recherchierten sie die Vorwürfe gegen Reichelt in den vergangenen Monaten weiter

Erschienen in: Falter, 10/21

About the author