Wilhelmsburg/Hamburg: „An der Süderelbe fängt der Balkan an“

Hackklops mit Rotkohl und Bratkartoffeln um 4 Euro 90 – das sticht hervor. Rundherum gibt es sonst Döner, Pizza, Baklava. Smartshop Yildiz verkauft Handys und repariert Computer, im Global Callshop kann man billig telefonieren und im Ein-Euro-Discount Schnäppchen machen. „Die Deutschen ziehen weg, die Alten sterben weg“, sagt die Imbiss-Verkäuferin im Reiherstiegviertel im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. „Der Fisch-Mann ist nach 60 Jahren raus, der Anglerladen hat auch dicht gemacht.“ Die Tafel im Imbiss bewirbt neben Hackklops auch „gegrillte Haxen“ und „Frikadellen mit Pommes“. Ist denn in den letzten zwei Jahren gar nichts besser geworden? „Für uns nicht“, sagt die Frau. „Hier ist doch keine Kaufkraft. Und dann soll auch noch das Schrotthaus saniert werden, in dem der Fisch-Mann und ich wohnen. 200 Euro mehr Miete. Da sagen viele: Nee, da muss ich nicht mehr hier wohnen.“

In Wilhelmsburg sollte alles besser werden. Das jedenfalls sagte vor zwei Jahren Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz. Die IBA, die Internationale Bauausstellung, werde dabei helfen, dass sich die sozialen Brennpunkte in attraktive Gegenden wandeln. Der Sozialdemokrat sprach vom „Sprung über die Elbe“, der endlich gemacht werden würde. Das Viertel Wilhelmsburg – eine der größten Flussinseln Europas – liegt dicht an der Hamburger Innenstadt. In fünf Minuten ist man mit der S-Bahn im Zentrum. Doch für viele Hamburger ist das Gebiet zwischen Norder- und Süderelbe nach wie vor fremd. Sein Ruf war jahrzehntelang miserabel. Nach der großen Sturmflut im Jahr 1962 eierte die Politik herum, man wollte die Wohngebiete aufgeben und den Hafen erweitern. Doch die Arbeitsplätze wurden weniger. Nach und nach schlossen Fachgeschäfte. Viele Alteingesessene zogen weg. In den 1970ern wurden große Siedlungen gebaut. Auch jene, die im restlichen Hamburg niemand wollte, fanden in Wilhelmsburg eine Wohnung.

Der frühere Hamburger Bürgermeister Ole von Beust (CDU) sprach als erster vom notwendigen „Sprung über die Elbe“ und präsentierte sein Konzept „Wachsende Stadt“. Mit der Internationalen Bauaustellung wurde schließlich eine Vielzahl großer Projekte in Angriff genommen. Neue Architektur, modernisierte Gebäude, innovative Schulkonzepte. Anstatt sozialer Tristesse und alter Hafenindustrie sollte der Stadtteil aufgewertet werden, so der Plan der Politik – aber ohne, dass die Mieten stiegen: Neue Schichten wollte man anziehen, die langjährigen Bewohner nicht verdrängen. Die Schulen würden dann von Kindern verschiedener Bevölkerungsgruppen besucht. Kurz: Wilhelmsburgs Zukunft wäre endlich rosig.

„Sprung über die Elbe? Na, da sind sie ein bisschen kurz gesprungen“, sagt ein Pensionist auf dem Weg zur neu gemachten S-Bahnstation Wilhelmsburg. Rechts von ihm sieht man in der Ferne triste Hochhäuser, links unmittelbar vor ihm das neue Gebäude der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung – ein Symbol für den Aufbruch. Wenige Meter hinter dem Mann liegt der Inselpark und jenes Areal, auf dem moderne Häuser extra für die Bauaustellung errichtet wurden, die Schmuckstücke der IBA. „Die Häuser hier, die sind natürlich schön. Aber für den Hamburger hört die Stadt immer noch an der Norderelbe auf. An der Süderelbe, da fängt für ihn der Balkan an.“

In einer der Hausfassaden – froschgrün – blubbert es: Das Grazer Architektenbüro Splitterwerk hat hier im Inselpark mit deutschen Partnern ein „Algenhaus“ errichtet. „BIQ“ heißt die Weltneuheit, „Bio-Intelligenzquotient“. Minipflanzen – Mikroalgen – verwandeln auf 200 Quadratmetern der Fassade aus der Sonneneinstrahlung und aus Kohlendioxid Biomasse und Wärme. Über einen Wärmetauscher können die 15 Wohneinheiten des Passivhauses beheizt werden. Die Biomasse wird in einer externen Anlage zu Biogas. Neben dem „Algenhaus“ steht der „Woodcube“, ein voll biologisch recycelbares Passivhaus, das ohne Leim, Nägel und Holzschutzmittel auskommt, geplant von der Stuttgarter „Architekturagentur“ und dem Salzburger Holzspezialisten Erwin Thoma. Die IBA-Macher bieten mehrere Touren durch ihr neues Wilhelmsburg an. An den Häusern zieht eine Gruppe Interessierter vorbei. „Nette Idee des Architekten“, sagt der Führer vor dem Algenhaus. „Aber, naja, eine Einheit ist immer noch zu haben.“ Die Menschen schauen sich begeistert das Geblubber an.

Ein paar Busstationen vom Inselpark entfernt und etwa zehn Minuten zu Fuß vom Altbauviertel mit dem Hackklops-Imbiss sitzt eine junge Frau auf den Stufen vor einem Hauseingang in der Sonne. In der Straße reiht sich ein Backsteinhaus an das nächste. Die Siedlung im südlichen Reiherstiegviertel wurde in den 1930ern erbaut. Einst wohnten hier die Arbeiter der umliegenden Hafengebiete. Die Arbeitsplätze wurden weniger, nach und nach wechselten die Bewohner. In die Wohnungen, die „in die Jahre gekommen waren“, wie es von den IBA-Machern heißt, zogen mehr und mehr Migranten. Nun sollten die Häuser im Zuge der IBA saniert und ökologisch modernisiert werden. Die Mieten sollten nur minimal steigen, die Heizkosten im Gegenzug sinken. Auch einen neuen Namen bekam das Viertel mit der Bauausstellung: „Weltquartier“.

„Vom Aussehen her ist alles viel netter und gemütlicher geworden“, sagt Felice, die junge Frau auf den Stufen. „Trotzdem. So langsam habe ich das Bedürfnis, wegzuziehen. Meine Tochter geht in die Schule, sie ist acht Jahre alt. Ich bin selbst Ausländerin, aber ich sehe, wie extrem das hier geworden ist.“ Auf der anderen Straßenseite geht ein Mann vorbei, Adidas-Jacke, dick Gel in den Haaren. Felice winkt. „Der wurde letztens abgestochen. Was guckst du so, so fing das an und dann Messer raus.“ Felice blinzelt in die Sonne. Hinter ihrem Haus sieht man den sogenannten Energiebunker – ein weiteres IBA-Projekt. Der Flakturm aus dem Zweiten Weltkrieg erhielt eine Solarhülle auf dem Dach und an der Südseite. Im Inneren wurde ein Biomasse-Blockheizkraftwerk errichtet. Im obersten Stock öffnete ein Café mit einem sensationellen Blick über ganz Hamburg. „Da war ich nur einmal“, sagt Felice. „Da sind viele Touristen.“

Für Ausflüge kommen viele Hamburger mittlerweile gern nach Wilhelmsburg. „Spannend, was hier passiert“, sagt eine Frau, die am Energiebunker vorbeiradelt. „Diese Vielfältigkeit. Mittlerweile gibt es hier ja auch Studenten und Subkultur. Und es ist so schön grün hier. Vielleicht würden wir auch hierher ziehen, wenn wir nicht schon ein Haus in Hamburg hätten.“

Vor einigen Jahren hat die Stadt damit begonnen, Wohnungen in Wilhelmsburg für Studenten zu subventionieren, um junge Menschen mit Optimismus und Ideen anzusiedeln. Nun eröffnen vor allem im Altbauviertel des Reiherstieggrätzels immer mehr Cafés und Kneipen. Wo es früher mehrere Fleischhauer gab und alteingesessene Wirten, sind neben Döner-Läden nun Cafés und kleine Restaurants mit portugiesischer, italienischer und japanischer Küche. „Mit Wilhelmsburg geht es langsam hinauf“, sagt Stadtforscher Jürgen Oßenbrügge, Professor an der Uni Hamburg. „Angesichts der massiven Gelder, die nach Wilhelmsburg gegangen sind, können wir lernen, wie schwer es ist, strukturell vernachlässigte Stadtteile zu verändern.“ Dafür brauche man einen „langen Atem“. Eine Veränderung im Großen gebe es deshalb in Wilhelmsburg noch nicht, aber eine „Imageverschiebung hin zum Positiven“.

Ja, auch die IBA habe viel in Bewegung gebracht, sagt Buchhändler Detlef Lüdemann, der seit vielen Jahren in Wilhelmsburg lebt. Bei den großen Siedlungen auf der Insel hätte man sich aber schon in den 1970er Jahren mehr überlegen müssen, als „bloß einen Frisör, ne Lottoannahmestelle und ne Schule hinzubauen“. Das „Gejammere“ von manchen über Wilhelmsburg könne er trotzdem „nicht so ganz“ nachvollziehen. „Früher, in den 1980ern, ham die Leute aber noch mehr gejammert.“

Erschienen in: Wiener Zeitung und OÖN

Datum: Juli 2015