Rumänien: Viel Korruption, wenig Armutsbekämpfung

An der Decke ist ein großer Wasserfleck. Das Dach ist kaputt, aber das Geld fehlt, um es zu reparieren. Geld fehlt auch für alles andere: für Essen, Kleidung, Möbel, Strom und Wasser. „Ich wünsche mir, dass meine Mädchen einmal ein besseres Leben haben als ich“, sagt Mariana Bancu. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern wohnt die 28-Jährige in dem Roma-Viertel Mimiu am Rande der rumänischen Großtadt Ploiești, 60 Kilometer von Bukarest entfernt.

Vor zehn Jahren haben sie ihr Haus gebaut, ein kleiner Vorraum und ein Zimmer ohne Fenster. Direkt vor dem Eingang ist der steinige Boden vom Regen aufgeweicht und schlammig-grau. Kleine Lacken haben sich gebildet. Der kühle Vorraum hält den größten Schmutz von draußen ab.

Drinnen im Zimmer ist es warm. Die Mutter hat den Ofen angeheizt. Im Ehebett liegt Baby Tobi und schläft. Die anderen Kinder sitzen im Einzelbett gegenüber und schauen fern. Im Zimmer gibt es außerdem einen kaputten Schrank, ein altes Kasterl und einen Kinderwagen. Den Strom für den Fernseher hat die Familie von einem der Nachbarn abgezweigt. Bald soll die Siedlung legalisiert werden, dann ist es aber auch vorbei mit dem günstigen Strom: Eine legale Leitung legen zu lassen, kostet 450 Euro. Die Familie lebt hauptsächlich vom staatlichen Kindergeld – 100 Euro monatlich insgesamt. Der Vater versucht, als Tagelöhner etwas dazu zu verdienen. Immer wieder habe er sich für dauerhafte Stellen beworben, immer wieder sei er abgelehnt worden, sagt Mariana Bancu.

Rumänien ist seit 2007 EU-Mitglied. Eine EU-Mitgliedschaft sei allerdings kein Automatismus gegen Armut, sagt der Ökonom Gabor Hunya, Rumänien-Experte am „Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche“. Außerdem sei die Armutsbekämpfung einerseits „bestimmt kein vorrangiges Ziel“ der letzten und der aktuellen Regierung. Zum anderen könne man auf diesem Gebiet kurzfristig keine großen Änderungen erzielen. Allgemein gesprochen sei Rumänien ein „armes Land“ – befinde sich wirtschaftlich aber in einem „Aufholprozess“, sagt Hunya und verweist auf die Kaufkraft: 2007 habe diese 40 Prozent des EU-Durchschnitts betragen. Jetzt liegt sie bei 57 Prozent.

Beim Thema Armut habe sich in den vergangenen Jahren wenig geändert, sagt Elena Matache, die bei der Hilfsorganisation „Concordia“ in Rumänien arbeitet. Man könnte um viel mehr EU-Gelder ansuchen, davon ist sie überzeugt. „Das aber heißt: Arbeit, Bürokratie und Co-Finanzierung. Und dafür will man offenbar nicht die Verantwortung übernehmen.“ Mitunter gebe es engagierte Regionalregierungen, sagt ihre Kollegin Diana Certan. „Das Problem war lange Zeit die Zentralregierung in Bukarest.“ Im vergangenen Dezember trat der sozialdemokratische Ministerpräsident Victor Ponta mitsamt seinem Kabinett nach großem Protest zurück. Die Anti-Korruptionsbehörde ermittelte zum diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Monaten.

„Die Korruption behindert seit den 90er-Jahren unsere Marktwirtschaft. Sie befällt unser Gesundheitssystem – und sie behindert messbar unser Wirtschaftswachstum. Die Verteilung der Ressourcen, unsere Wettbewerbsfähigkeit und unser Wirtschaftswachstum leiden massiv unter der Korruption“, sagte der Ökonom Lucian Albu vom Wirtschaftsforschungsinstitut in Bukarest vor einem Jahr im „Deutschlandfunk“.

„Der Übergangsministerpräsident versuchte, das Beste zu machen, auch beim Themen Korruption und Bürokratie. Arme Eltern bekommen nun zusätzlich Geld, wenn sie ihre Kinder in die Schule schicken“, sagt „Concordia“-Mitarbeiterin Certan. Doch in sechs Monaten habe es jeweils einen Wechsel an der Spitze des Bildungsministerium, des Sozialministeriums und des Gesundheitsministeriums gegeben. Im Dezember wird neu gewählt.

Fabian Robu überreicht Mariana Bancu eine Kiste voll mit Mehl, Tee, Milch für die Kinder, Nudeln und Erdäpfeln. Etwa alle zwei Wochen kommt einer der „Concordia“-Mitarbeiter in Mimiu vorbei und bringt Lebensmittel. Geholfen werden soll allerdings nachhaltiger: So viele Eltern wie möglich unterstützt man bei der Arbeitssuche und dabei, lesen und schreiben zu lernen. Die Kinder bekommen im Tageszentrum „Casa Cristina“ Nachhilfeunterricht, die Möglichkeit zu duschen, saubere Kleidung, ein Mittagessen. Die Räume sind auch im Winter durchgehend warm. Gemeinsam wird gespielt und gebastelt.

Der Bedarf an Unterstützung ist groß. Im Viertel Mimiu leben mehr als 1.200 Menschen. Viele Kinder brechen die Schule ab. Ältere müssen auf die Jüngeren aufpassen, wenn die Eltern einen Job ergattern. Immer wieder werden Buben und Mädchen auch an Sonderschulen verwiesen, weil sie ungepflegt sind oder sich im Unterricht schwer tun. Es fehlt jemand, der mit ihnen lernt.

„Wir zählen auf Concordia“, sagt Daniela Chiva, die das Sozialamt in Ploiești leitet. „Wir haben einfach nicht genug Personal, um in den armen Vierteln ausreichend arbeiten zu können.“ Acht Sozialarbeiter sind derzeit in Chivas Abteilung angestellt. Chiva träumt – wie sie sagt – davon, dass es innerhalb von drei Jahren 30 sein werden.

Erschienen in: Wiener Zeitung 11/16

About the author